Meine Mutter

Als sie geboren wurde, war der zweite Weltkrieg schon vier Wochen alt.
Ihren Eltern war sie eher eine Belastung und als die zweite ihrer drei Schwestern geboren war, wurde sie zu ihrer Oma gegeben. Dort wuchs sie auf und die Umstände ihrer Kindheit haben sie ein Leben lang nicht losgelassen.
Als die Familie im Februar 1945 auf der Flucht vor den letzten Bombenangriffen Richtung Dresden unterwegs war, erlebte sie die Bombardierung dieser Stadt am 13.Februar 1945. Für das fünfjährige Mädchen war dies ein traumatisches Ereignis welches sie für lange Zeit verstummen ließ. Monate später fand sie ihre Stimme nur noch gebrochen wieder und ihre Nerven ließen sie ein Leben lang erzittern.
Sie wollte in jedem Menschen nur das Gute sehen, sie konnte nur schwer glauben, dass so mancher sie nur ausgenutzt hat. Es tat beinahe schon weh zu sehen, wie groß ihr Verlangen war, dass jeder Mensch auch gut sein möge. Sie wollte lange glauben, dass Menschen, die über Einfluß und Verantwortung verfügten, auch immer im Sinne des Gemeinwohls handeln.
Sie war ehrlich, hat niemals einen Streit vom Zaun gebrochen, sie hat sich eher still verhalten und untergeordnet. Sie war ein lieber Mensch, sie hat jedem geholfen, auch jenen, die sie ausgenutzt und verachtet haben. Ihr Wunsch geliebt und geachtet zu werden war größer als der, Recht zu bekommen. Sie konnte lange nicht glauben, dass es jemanden gab, der sie bedingungslos liebt.

Die politischen Umstände machten ihr Leben nicht einfacher, sie mußte ständig auf der Hut sein vor spionierenden Nachbarn und Kollegen und wollte doch irgendwie den Kontakt zu ihrer Familie im anderen Teil Deutschlands nicht aufgeben.
Das wiedervereinigte Deutschland war plötzlich grenzenlos und so konnte sie nun an Orte reisen, von denen sie niemals gedacht hatte, dass das für sie möglich sein würde. Mit 67 Jahren ist sie das erste Mal allein in ein Flugzeug gestiegen, sie war so aufgeregt, dass sie jedem um sie herum die Geschichte ihrer Reise erzählt hat. Es war ihr dabei völlig egal, ob die Menschen ihre Sprache sprachen, sie war der Meinung dass sie sie schon irgendwie verstehen. Und damit hatte sie recht, ihre Sprache war universell.

Sie hat drei Kinder geboren und behütet, hat eine Tochter durch Krankheit verloren und blieb trotzdem lebenslustig und fröhlich.
Nach vielen traurigen Herausforderungen durch schwere Krankheiten und Tod, war sie ständig besorgt um ihre Familie. Sie hat sich täglich versichert, dass es ihren Kindern und Enkelkindern auch gut geht.
Ihre Familie ist gewachsen und lebt nun nicht mehr in ihrer unmittelbaren Umgebung. Das war schwierig für sie, aber um so mehr freute sie sich, wenn alle zusammen kamen.
Vor wenigen Wochen hatte sie das Vergnügen, das Weihnachtsfest mit ihrer Familie zu feiern. Sie freute sich sehr, eine solche große und glückliche Familie zu haben.
Keiner hätte gedacht, dass dieses Treffen das letzte gemeinsame war.

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Christine Graf

 

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